Ein ganz besonderer Gast besuchte die Hermann-Neuton-Paulsen-Schule auf Pellworm: Ibrahim Arslan, Überlebender des rassistischen Brandanschlags von Mölln im Jahr 1992. Damals wurde er als Kind von seiner Großmutter aus einem brennenden Zimmer gerettet. Seine Großmutter, seine Schwester und seine Cousine kamen bei dem Anschlag ums Leben. Dieses schwere Schicksal prägt ihn bis heute – und dennoch begegnet er Menschen mit großer Offenheit, Wärme und Menschlichkeit.
Kennengelernt wurde Ibrahim Arslan von Schulleiter Markus Bürger beim zentralen Gedenktag zur Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz im Kreishaus Nordfriesland. Im Anschluss wurde gemeinsam der Film „Die Möllner Briefe“ angesehen. Dort entstand der erste persönliche Kontakt und schnell war klar, dass Ibrahim Arslan mit seiner Geschichte und seiner Persönlichkeit auch die Schülerinnen und Schüler auf Pellworm erreichen würde.
Der Projekttag in der Schule wurde vom Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“ aus Berlin finanziert. Dafür bedankt sich die Schule ausdrücklich.
Bereits zu Beginn des Tages griff Ibrahim Arslan ein Gedicht der Schriftstellerin und Aktivistin Semra Ertan auf. Die Verse:
„Unter der Erde
würde ich mich wie ein Fluss verlieren,
wenn du mich nicht finden würdest
und ich dieses Gedicht nicht schriebe.“
wurden zu einem eindringlichen Einstieg in den Tag. Für Ibrahim Arslan bedeutet Erinnern und Erzählen, den eigenen Erfahrungen eine Stimme zu geben. Dinge auszusprechen, die wehgetan haben. Rassismus sichtbar zu machen, um Bewusstsein zu schaffen und Veränderungen anzustoßen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass es dabei nicht nur um Schmerz geht, sondern auch um Menschlichkeit, Freundschaft, Familie, Musik, Gemeinschaft und Hoffnung.
Besonders bewegend war, wie offen Ibrahim Arslan über seine eigenen Gefühle und Erfahrungen sprach. Immer wieder schilderte er, wie es ist, zwischen zwei Welten zu stehen: In der Türkei werde er oft als „der Deutsche“ gesehen, in Deutschland hingegen häufig als jemand, der nicht dazugehöre. Obwohl er hier geboren wurde, hier aufgewachsen ist und sich als Deutscher fühlt, erlebt er immer wieder Misstrauen, Vorurteile und rassistische Zuschreibungen. Gerade deshalb spricht er öffentlich über seine Geschichte – um zu mahnen, um für Toleranz einzustehen und um deutlich zu machen, welche Folgen Rassismus haben kann.
Vier Schulstunden lang arbeitete Ibrahim Arslan mit den Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 bis 10. Pädagogisch beeindruckend gelang es ihm, die Jugendlichen mitzunehmen, sie einzubeziehen und immer wieder zum Nachdenken anzuregen. Statt eines klassischen Vortrags entstand ein echter Austausch voller Fragen, Gedanken und persönlicher Gespräche.
Nach zwei Schulstunden, in der großen Pause, luden einige Schülerinnen und Schüler Ibrahim Arslan spontan zu einem Fußballspiel auf dem Minifeld ein. Mit großer Begeisterung spielte er mit allen mit, die Lust hatten. Es entstand ein tolles kleines Turnier voller Freude und Gemeinschaft. Besonders beeindruckt zeigte er sich von einem Tor von Marlene, zu dem er ihr direkt gratulierte.
Anschließend ging der Workshop weiter. Obwohl die weiteren zwei Stunden freiwillig waren, blieben alle Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 10 dabei. Besonders in diesem zweiten Teil sprach Ibrahim Arslan intensiv über den Brandanschlag von Mölln und seine eigenen Erlebnisse. Die vier Stunden vergingen wie im Flug – eindringlich, emotional und gleichzeitig voller Nähe und Offenheit.
Für die gesamte Schulgemeinschaft war dieser Besuch etwas ganz Besonderes. Viele Schülerinnen und Schüler äußerten anschließend, wie eindrucksvoll und bewegend es gewesen sei, einen Zeitzeugen persönlich erleben zu dürfen. Vier Stunden lang wurde nicht abstrakt aus einem Lehrbuch über Rassismus gesprochen, sondern mit einem Menschen, der selbst Opfer rassistischer Gewalt geworden ist und heute seine Stimme nutzt, um für Menschlichkeit, Respekt und Toleranz einzustehen.
Die intensive Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur, Rassismus und gesellschaftlicher Verantwortung wurde am Freitagabend im Kino Klub Pellworm fortgesetzt. Um 20:00 Uhr fand dort – ergänzend zum Workshop an der Hermann-Neuton-Paulsen-Schule – eine besondere Film- und Gesprächsveranstaltung mit Ibrahim Arslan statt.
Veranstaltet wurde der Abend gemeinsam von der Schule, dem Kino Klub Pellworm sowie dem Inselmuseum Pellworm – auch als Teil des UNESCO-Biosphärenreservat Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen. Die große Resonanz zeigte, wie wichtig dieses Thema vielen Menschen auf der Insel ist: Die Veranstaltung war vollständig ausverkauft, sogar mit Warteliste.
Zu Beginn sprach Ibrahim Arslan persönlich zu den Gästen, bevor gemeinsam der Film „Die Möllner Briefe“ angesehen wurde. Der Film machte viele Zuschauerinnen und Zuschauer tief betroffen. Besonders eindrücklich war die Frage, warum zahlreiche Briefe der Solidarität nach dem rassistischen Brandanschlag von Mölln jahrzehntelang unbeachtet in Archiven lagerten, anstatt den Betroffenen Trost und Unterstützung zu geben.
Im anschließenden Gespräch entwickelte sich weit mehr als eine klassische Fragerunde. Vielmehr entstand ein dialogischer Austausch, in dem Gedanken aufgegriffen, weitergeführt und gemeinsam reflektiert wurden. Ibrahim Arslan beantwortete offen Fragen aus dem Publikum, stellte aber zugleich selbst immer wieder Fragen an die Anwesenden. So entstand ein Gespräch über Erinnerung, Verantwortung und darüber, was jede und jeder Einzelne im Alltag tun kann.
Dabei wurde deutlich, dass Solidarität oft schon mit kleinen Gesten beginnt: Interesse zeigen, Fragen stellen, miteinander ins Gespräch kommen. Fragen wie „Wie geht es dir?“, „Woher kommst du?“ oder „Warum bist du hier?“ können Ausdruck ehrlichen Interesses und von Mitmenschlichkeit sein. Gerade Menschen, die selbst keine Ausgrenzung oder alltäglichen Rassismuserfahrungen machen müssen, nehmen häufig nicht wahr, wie präsent solche Erfahrungen für andere Menschen weiterhin sind.
Besonders bewegend war die Erkenntnis, wie wichtig es ist, Betroffenheit nicht nur zu fühlen, sondern auch zu zeigen – durch Worte, Briefe, Nachrichten oder Gespräche. Eine Postkarte, eine E-Mail oder ein persönlicher Brief können für Betroffene eine enorme Bedeutung haben. Vielleicht, so wurde an diesem Abend deutlich, braucht es in Zukunft keine weiteren „Möllner Briefe“, wenn Solidarität früher sichtbar und spürbar wird.
Ein herzlicher Dank gilt allen Beteiligten und Unterstützenden dieses besonderen Abends – insbesondere dem Inselmuseum Pellworm mit Magda Hanft, dem Kino Klub Pellworm mit Felix Leitermann sowie der Hermann-Neuton-Paulsen-Schule als Mitveranstalterin. Der Workshop am Vormittag in der Schule und die Abendveranstaltung im Kino Klub haben eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig Begegnung, Zuhören und gemeinsames Erinnern für ein respektvolles gesellschaftliches Miteinander sind.


